Vom Verschwinden und Erscheinen – Über das Ephemere in der Fotografie

Der dänische Fotograf Adam Jeppesen (*1978) experimentiert mit der Photogravüre, bei der er den Druckstock nur ein einziges Mal mit Farbe bestreicht, so dass das Motiv zunehmend verschwindet bis schließlich nur noch ein scheinbar leeres, weißes Blatt bleibt. Der Amerikaner Scott B. Davis (*1971) arbeitet mit einer großformatigen Fachkamera und stellt die originalgroßen Platindrucke in Diptychen als Positiv- und Negativansichten gegenüber, in denen das Motiv mal im Schwarz der Nacht, mal im gleißenden Weiß der Umkehrung verschwindet. Die finnische Fotografin Sandra Kantanen (*1974) löst hingegen mittels digitaler Verwischungen und Übermalungen die Oberfläche ihrer Rauchbilder in einem malerisch gestischen Duktus auf. László Moholy-Nagy (1895-1946) zählt ohne Zweifel zu den Pionieren der kameralosen Fotografie und experimentierte seit den 1920er-Jahren mit Fotogrammen. Das Triptychon in der Ausstellung zeigt schemenhaft aus der dunklen Fläche auftauchende Spuren verschwundener Objekte, die zwischen der Sichtbarkeit an der Oberfläche und dem Verschwinden in einer abstrakten Räumlichkeit oszillieren. Den nur einige Millisekunden währenden Moment des Abschusses einer Feuerwaffe nutzt die Fotografin Helena Petersen (*1987) für ihre Serie Pyrographie, bei der das Fotopapier allein vom Mündungsfeuer belichtet und teilweise durch herabfallende Rückstände verletzt wird, so dass sich die aggressive Wucht des Schusses nicht nur visuell, sondern auch haptisch in die Bilder einschreibt.

Der Mensch, per se ephemer in seinem Dasein, ist Gegenstand einer Reihe weiterer Arbeiten. In ihren fotografischen Selbstportraits gehen die Künstlerinnen Andrea Sunder-Plassmann (*1959) und Rita Ostrowskaja (*1953) beide vom eigenen Körper aus, den sie mittels einer langen Belichtungszeit dem Verschwinden preisgeben. Von einer melancholischen Grundstimmung geprägt und nah am Tod sind auch die Selbstdarstellungen der amerikanischen Künstlerin Francesca Woodman (1958-1981). Mit exzessiver Vehemenz lotet sie die Grenzen und Möglichkeiten des Genres aus, spielt mit symbolisch aufgeladenen Requisiten, Abbildungstechniken und extremen Bildausschnitten. Auch Isa Marcelli (*1958), Bill Jacobson (*1955) und Donata Wenders (*1965) befassen sich mit der menschlichen Figur, die in ihren Fotografien auf verschiedene Weise entkörperlicht wird. All diesen Arbeiten gemeinsam ist eine Figur und Raum gleichermaßen durchwebende Stimmung, in der die Umrisse des Ich verschwimmen und verschwinden.

 

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2010_Donata Wenders_In the Snow II.jpg
Ida Pimenoff_Door.jpg

Helena Petersen_Pyrographie LXXI.jpg
Sandra Kantanen_forest3.jpg

Andrea Sunder-Plassmann.jpg
Marianne Ostermann_16Morphose14_1.jpg